Schlechte Lage am Arbeitsmarkt
Die wirtschaftliche Lage am Arbeitsmarkt trägt dazu bei, dass Angegriffene und AngreiferInnen gleichermaßen Angst um ihren Job haben müssen. Kaum jemand kann heutzutage leichtfertig den eigenen Job aufgeben. Die meisten Menschen, die Erwerbsarbeit haben, sind sehr stark an ihren Job gebunden. Es gibt kaum ökonomische Alternativen, die nicht mit sozialem Abstieg verbunden sind. Dementsprechend sind die Individuen bereit, einen höheren Leidensdruck zu ertragen. Es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl, als Angriffe so lange auszuhalten, bis ihre Kräfte verbraucht sind. Konflikte können wegen der schlechten Arbeitsmarktlage nicht einfach dadurch gelöst werden, dass Menschen verschiedener Wege gehen. Rückzug und Flucht sind nur der allerletzte Ausweg. An ihre Stelle tritt das längerfristige Erdulden, das den Mobbingprozess auszeichnet und die für die Persönlichkeit zerstörerischen Folgen zeitigt.
Druck auf die Unternehmen
Die Unternehmen stehen untereinander in zunehmend härterer Konkurrenz. Es hagelt Konkurse, Übernahmen und Fusionen. Die Unternehmen sind also dem systemischen Druck ebenso stark unterworfen wie die einzelnen Arbeitnehmenden.
Druck auf die ArbeitnehmerInnen
Auch die AngreiferInnen werden zu den Angriffen strukturell gedrängt. Sei es überhöhter Konkurrenzdruck, Arbeitsüberlastung, Angst vor Jobverlust oder Zurückdrängen von sozialen Werten durch das ökonomische Leistungs- und Verwertungsprinzip. Der bei uns existierende arbeitsrechtliche Schutz der ArbeitnehmerInnen widerspricht der neoliberalen Logik in einer globalisierten Wirtschaft, in der Waren, Dienstleistungen und Betriebsstandorte zunehmend grenzenlos transferiert werden können. Wir befinden uns in einer Phase der Aushöhlung des Rechtsschutzes der ArbeitnehmerInnen, den sich die Generation unserer Eltern in einer Phase des ungebrochenen Wachstums nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre herausnehmen und rechtlich absichern konnte. Über den erhöhten ökonomischen Druck erzeugt unser Gesellschaftssystem auch vermehrte psychische Probleme und Angstzustände, Vereinsamung, Marginalisierung und Ausschluss, insbesondere von gesellschaftlich systematisch diskriminierten Gruppen. Alle diese psychischen Faktoren können wiederum Angelpunkte für Mobbing-Motivationen werden.
Branchenspezifische Unterschiede
Je nach Wirtschaftlage, Branche und Arbeitsbereich kann Mobbing verschieden ausgeprägt sein. Es könnte die These vertreten werden , dass Mobbing in sozialen Berufen und im Gesundheitswesen häufiger vorkommt (laut Mobbingreport 2002), weil
1.) das Bewusstsein gegenüber Mobbing dort höher ist,
2.) in diesen Sparten Personen tätig sind, die für Mobbing anfälliger sind, weil sie ihren Selbstwert v.a. aus ihrem sozialen Umfeld auch im Betrieb beziehen,
3.) weil in diesen Sparten Leistung schwerer messbar ist.
Neue Wertekonflikte
Weiters führen auch emanzipatorische Errungenschaften zu Wertekonflikten im Betrieb. Die meisten Diskriminierungsformen sind je nach Kontext mehr oder weniger verpönt. Gleichzeitig werden Diskriminierungen als Normalität gelebt. Das Aufzeigen von Diskriminierungen ist ein überaus harter moralischer Vorwurf, der zum Anlass für fortgesetzte Übergriffe, Racheakte und Mobbing werden kann. Der typische Betrieb ist ein starres hierarchisches Gebilde, eine kapitalistische Institution, die wie alle Institutionen gegenüber öffentlich geführten Diskursen hinterherhängt. Aus dieser Ungleichzeitigkeit ergibt sich, dass die Antidiskriminierungsdiskurse in den Unternehmen auf Widerspruch stoßen.
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