Soferne die Motivationen für die fortgesetzten Angriffe nicht aus anderen Gründen (Umorganisation, Präventionsmaßnahmen) aufhören zu existieren, erfordert die Einstellung der Angriffe eigenes Handeln. Das bedeutet gegebenenfalls, nicht länger die Rolle des passiven Opfers zu spielen, sondern sich auf einen Machtkampf einzulassen, der kürzer oder länger dauern kann. Die eigenen Handlungen können umso effektiver sein, je besser die Situation analysiert wird, je klarer die eigenen primären und sekundären Ziele sind und je stringenter Strategien an diesen Zielen ausgerichtet sind. Auch die beste Strategie garantiert nicht den Erfolg. Letztendlich gilt: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Aus Gründen des Selbstschutzes und der Distanz kann es auch hilfreich sein, die Versuche des Abstellens von Angriffen als Machtspiel zu sehen. Dies erfordert: Spielstand analysieren, SpielleiterInnen, Publikum und SchiedsrichterInnen finden, Spielregeln festlegen, sich selbst an die Regeln halten und deren Einhaltung auch von anderen einfordern. Das eigene Spiel muss dabei keineswegs dasselbe sein wie das der AngreiferInnen.
Mobbingsituationen und -verläufe sind in der Praxis sehr divers und komplex. Je nach Stadium der Eskalation der Wirkungen bei den Angegriffenen kommen gänzlich andere Szenarien der Reaktion in Betracht. Interventionsmöglichkeiten können daher allenfalls sehr schematisch anhand von typischen Motivationen, typischen Reaktionsmöglichkeiten, typischen Zielen und Strategien dargestellt werden. In der Praxis wird die Analyse der Situation wohl eine Überlagerung von verschiedenen Mobbingmotivationen ergeben. Dies wiederum führt zum Erfordernis einer Auflistung von nach Prioritäten gereihten Zieloptionen und einer Vorgangsweise anhand eines komplexen Strategiemixes. Dennoch mag die folgende Typisierung der möglichen Motivationen und der möglichen Ziele und Strategien für die Differenzierung der Mobbingrealität und für die Analyse der Interventionsmöglichkeiten sinnvoll erscheinen, da sie die Komplexität der Problematik erahnen lässt. In der Praxis ist außerdem zu berücksichtigen, dass die Angegriffenen oft nicht über ausreichende Informationen verfügen, um die Motive der MobberInnen bestimmen oder die eigene Lage gut einschätzen zu können. Mobbing kann sehr subtile Formen annehmen und viele Mobbinghandlungen können im sozialen Umfeld der Betroffenen gesetzt werden, ohne dass die Angegriffenen den Angriff unmittelbar erkennen. Sie spüren diesfalls nur dessen Auswirkungen, ohne zu wissen, wie sie dazu kommen, nun so behandelt zu werden.
Zur Analyse der Mobbingsituation empfiehlt sich die Aufzeichnung der einzelnen Vorfälle, die - wie subtil auch immer - als Angriffe oder deren Auswirkungen zu werten sind. Zumeist handelt es sich bei den Angriffen ja um Handlungen, die für sich genommen bagatellisiert werden können. dementsprechend sind die einzelnen Attacken selten gut (an)greifbar. Erst durch ihr Zusammenspiel und ihre Fortgesetztheit wird Mobbing zu dem, was es ist. Dementprechend ist es wichtig, den Verlauf der Angriffe nachvollziehbar zu machen. Ein Mobbingtagebuch enthält üblicherweise folgende Angaben: Wer war beteiligt, Anfänge, Verlauf, Ziel der Angriffe, vermutete Motive, Beweise, ausgelöste Reaktionen, Gegenreaktionen (was war bisher erfolgreich, woraufhin wurden Mobbinghandlungen unterlassen/ ausgesetzt), eigene Ressourcen, Kräfteverhältnis zwischen Angreifenden, Angegriffenen und Dritten, potentielle Unterstützung? Erst aus einer Darstellung der Häufigkeit, Dauer, Verkettung und Systematikder Angriffe ergibt sich ein Bild von der Mobbingsituation, das als Basis für die Bestimmung von Interventionsmöglichkeiten dienen kann.
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